»»Kurzgeschichte
Habe hier mal eine Kurzgeschichte oder sowas geschrieben...... Mit gesenktem Kopf geht sie die Straße entlang. Nur entfernt nimmt sie die Geräusche der Nacht wahr, wie den Lärm der wenigen Autos auf der nahen Hauptstraße. Um diese späte Zeit begegnet ihr hier niemand mehr. Sie hört nur ihre Schritte auf dem trockenen Asphalt. Noch vor ein paar Stunden lag sie auf ähnlichem Asphalt, zusammen gekrümmt, die Arme schützend vor dem Gesicht. Ohne Gnade standen ihr die Anderen gegenüber, blickten auf sie herunter und lachten bei jedem Tritt. Ihr Lachen war beinahe schlimmer als die Schmerzen. Für die war das ein Spaß, Vergnügen. Gegen die Langeweile. Plötzlich verstummten sie, hörten auf. Sie wagte nicht auf zusehen. Vielleicht war das nur einer ihrer Tricks. „Er ist weg!“ „Der alte Sack hätte mir jetzt gerade noch gefehlt.....“ „Als ob der was merken würde.“ Weiterhin hielt sie ihr Gesicht hinter den Armen, die Augen geschlossen. Ein weiterer Tritt. Jemand packte ihre Haare. „Das ist gar nicht lustig, wenn sie sich nicht bewegt!“ „Nicht ins Gesicht, sonst schöpft noch jemand Verdacht.“ Es entstand eine Pause, in der niemand sprach oder sich bewegte. Doch das Grinsen konnte sie fast hören. Sie hatten sich heute etwas besonderes ausgedacht. „Zieht ihr den Mantel aus. Sonst kann sie das schöne Wetter doch gar nicht genießen......“ Sie schlug, sie tobte, still, doch es half nichts. Sie wurde zurück auf die Straße befördert, wo ihr Mantel gerade war, wusste sie nicht. Der Boden war kalt, genau wie der Wind. Mit ihrem Fuß drückte die Blonde ihr Gesicht auf die grobe Straße. Die Hände würde sie sich nicht schmutzig machen. Es waren diese Momente, in denen sie sich selbst am meisten hasste. Warum war sie so schwach? Warum wehrte sie sich nicht einfach? Doch....war es so einfach? Nein. Als alles angefangen hatte mit harmlosen Kleinigkeiten hatte sie es versucht, hatte an ihren Menschenverstand appelliert, doch sie hatte schnell begriffen, dass gerade das sinnlos war. Und auch alles Andere half nichts. Sie waren zu fünft, sie allein. Schmerz. An ihren Rippen. Sie atmete rasch aus. Für einen Moment öffnete sie die Augen. Der Fuß kam näher. Wie aus einem Instinkt heraus packte sie ihn, hielt fest. „Igitt! Sie hat mich angefasst!“ Der Fuß wurde ihr heftig aus der Hand gerissen. Ein kleiner Triumph, denn er kam nicht wieder. Für heute zumindest. „Hüte deine Zunge, das hier ist doch unser Privatvergnügen.....kleine Schlampe!“ Im nächsten Moment landete ihr schwerer Mantel auf ihr. Die Kälte dringt langsam in ihre Schuhe. Wind zieht unter ihren Mantel und sie geht etwas schneller. Den Blick nun geradeaus, aber leer. Sie kennt den Weg. Nimmt ihre Umgebung nicht wahr. In wenigen Minuten wird sie die Haustür aufschließen, nach Hause kommen. Es ist Freitag, sie hat die Hoffnung, dass keiner dort ist. Doch sie wird wohl auf ihre Mutter treffen, lächeln müssen, eine Geschichte erfinden. Sich ein wenig Gerede anhören müssen. Doch inzwischen wird sie darin immer besser. Warum sie nicht mit ihrer Mutter redet? Das letzte Mal hatte sie das nach dem Tod ihres Vaters versucht. Es war eine Katastrophe gewesen, am Ende hatte sie trösten müssen anstatt angehört zu werden. Sie glaubte nicht, dass es dieses Mal anders sein würde..... Warum sie sich sonst niemandem anvertraute? Wer würde ihr denn glauben? Sie war niemand, die Blonde aber die Tochter des Schulrats. Die Lehrer würden sich ihm beugen, sie hatte es bereits bei einem anderen Fall gesehen. Mit ihren Anschuldigungen würde sie wohl noch die Strafe kassieren, auf jeden Fall von den Mädchen. Sie konnte und wollte sich nicht ausmalen, was sie dann mit ihr machen würden......
Schweigen liegt im Raum. Niemand wagt, es zu brechen. Sie sitzen im Raum verteilt, die Knie angezogen oder sogar auf dem Boden. Die Blicke sind starr ins Leere gerichtet. Ab und zu dreht jemand den Kopf, sieht zu den Anderen. Nachdem keiner reagiert, schweift der Blick wieder ins Leere. „Das....kann doch......“ Sie verstummt wieder, die Hand vor dem Mund. Erneutes Schweigen. Der Raum ist kühl, die Wände weiß, die Sitze grau, aus Plastik. „Ich pack's nicht! Wie kann.....wie kann sowas passieren?!“ „Das....das....war doch nur ein......ein Unfall......oder.....nicht....?“ „Ist das nicht scheiß egal?! Es ist passiert und jetzt müssen wir.....einfach.....hoffen.....“ „Auf was hoffen? Dass sie aufwacht? Bist du eigentlich bescheuert?!“ „Wieso? Wir haben doch nur ein....Spiel.....gespielt....“
„Die Fete is langweilig, Mann!“ „Aber echt hey. Wenn ich das gewusst hätte, wär ich daheim geblieben!“ „Wir könnten doch....was spielen?“ „Mein Gott, du hast immer dumme Ideen! Sollen wir jetzt Mensch ärger dich nicht spielen oder was?“ „Nein! Liegt hier nich irgendwo ne Flasche rum?“ „Woah, nee, nicht Flaschendrehen! Das ist doch was für kleine Kinder, die noch nie jemand geküsst haben!“ „Wir spielens ja auch nicht mit Küssen, das is ja langweilig!“ „Ja und wie dann?“ „Mit lustigeren Aufgaben......uns wird schon was einfallen......“ „Hm.....ok, das könnte vielleicht doch was werden.....“
„Nur ein Spiel?! Wer hatte diese dämliche Idee eigentlich?!“ „Das ist doch jetz egal! Kann doch niemand damit rechnen, dass da sowas bei raus kommt......“ Erneute Stille. Alle sind hin und her gerissen zwischen Angst, Schuldgefühlen und dem Bedürfnis, ihr Gewissen zu erleichtern. Jedoch erscheint untätig herum sitzen einfach zu sinnlos. „Müssten wir nicht ihre......Eltern anrufen?“ „Haben die das nicht schon gemacht?“ „Keine Ahnung......“ „Wir können doch hier nicht einfach rum sitzen!“ „Aber wir haben doch keine Wahl.“
„Wahrheit.“ „Ok, ähm......mir fällt gerade nix ein.....“ „Warst mit Sven im Bett?“ „Nein.“ „Das glaub ich ihr nicht!“ „Sei nicht albern, warum sollte sie lügen?!“ „Ja eben!“ „Ist ja gut, ok.“ „Aber so ganz toll, is die Fete immer noch nicht......“ „Ein Kumpel von mir macht ne Party, gehen wir doch dahin!“ „Ja, kann ja nur besser werden.....“ „Na dann auf zum Bahnhof!“
„Aber.....“ „Ich weiß, ich würde auch gern irgendwas tun.....“ „Ach, hört auf eure Show abzuziehen!“ „Was soll das denn heißen?!“ „Vor drei Jahren haben wir sie in der Schule ignoriert und auf dem Weg nach Hause haben wir sie alle zusammen verprügelt! Und jetzt lasst ihr hier die Besorgten raushängen! Das kauft euch doch keiner ab!“ Betroffenes Schweigen. Jeder muss sich eingestehen, dass sie Recht hat. Dass sie auch jetzt noch der Fußabtreter war, das Mädchen, das sich nicht wehrte und das man fertig machen konnte. „Aber.....wir sind ja auch......Schuld.“ Dieser leise Satz kam aus der Ecke. Alle blicken sich um. Wut glimmt auf. Einer steht auf, hebt schon den Arm. Hält inne. Setzt sich wieder hin. Stille Einsicht.
„Sind wir nicht bald da?“ „Jaja, es sind ja nur noch ein paar Stationen.“ „Sag mal, wie lange bist du jetzt bei uns?“ „Äh....ich weiß nicht....ein paar Wochen....:“ „Ja, das kommt hin.“ „Dann müssten wir sie doch endlich richtig aufnehmen, oder?“ Einige lächeln. „Ja, stimmt!“ „Wie gut, dass du sowieso gerade dran bist! Dann nimm doch gleich mal Pflicht!“ „Und....was muss ich da machen?“ „Kann man das Fenster da aufmachen?“
„Wir sind Schuld.“ Die Worte stehen im Raum, sichtbar für alle. „Aber woher sollten wir denn wissen, dass sie sich nicht festhält?!“ „Ich dachte, das hat sie?!“ „Sonst wäre sie wohl nicht gefallen oder?!“ „Völlig egal! Wir haben sie dazu gebracht und deshalb sind wir Schuld, daran lässt sich jetzt auch mit einer Diskussion nichts mehr ändern!“ Erneut versinken alle in Schweigen. „Scheiß Flaschendrehen....:“ Gemurmel, das im Schweigen untergeht.
„Ja, das war aber zu krass, oder?“ „Schon.“ Das Lachen verstummt. „Was meint ihr.....wie geht es ihr?“ „Keine Ahnung. Ich habe nichts mehr von ihr gehört....“ „Nur, dass sie durchgekommen ist.“ Sie betritt den Raum. Setzt sich in den Kreis. Legt eine Flasche in die Mitte. Dreht sie zu sich. Alle sehen sie an. Dann fallen ihr alle um den Hals. Sie lächelt matt. „Wie geht’s dir?“ „Gut, inzwischen. Ich...hatte Glück, haben die Ärzte gesagt. Aber deswegen bin ich nicht hier. Ich möchte euch die Wahrheit sagen.“ Verwunderung. „Ihr habt euch wahrscheinlich viele Vorwürfe gemacht.....“ Sie blickt nach unten. Auf ihre Hände und fummelt an ihrem Daumennagel herum. „....aber das müsst ihr nicht. Ihr habt keine Schuld.“ Überraschte und entsetzte Blicke. Plötzlich: Wut. „Nein, jetz erzähl hier keinen Scheiß! Wir sind die, die Schuld haben! Du musst hier keine Geschichte erzählen, um uns irgendwie helfen zu wollen!“ „Das ist keine Geschichte! Als ich da aus dem Fenster lehnte und den Wind spürte und euch johlen hörte, wurde mir eines klar: Egal, was ich tue, ich werde immer allein sein. Ich hatte keine Chance, dazuzugehören. Und eigentlich war das auch völlig idiotisch! Ich meine, vor ein paar Jahren habt ihr mich noch verprügelt, das habe ich nicht vergessen und werde es auch nie. Aber wer zu euch gehört, der ist jemand. Der wird von allen gemocht. Dachte ich zumindest......“ „Du meinst, du hast......“ „Ja, ich habe losgelassen. Ich habe mich mit Absicht fallen lassen und gehofft, dass ich nicht mehr aufwache. Aber es hat nicht geklappt und damit muss ich jetzt zurecht kommen.“ „Du wolltest dich umbringen, weil du nicht allein sein wolltest?!“ „Nein, ich.....das war vielleicht blöd ausgedrückt......also, auch allein, ja, aber hauptsächlich, weil ich.....nicht mehr euer Spielzeug sein wollte.“ Sie ist völlig ruhig dabei. Sie hat sich alles gut überlegt. Nicht das, was sie sagt. Sondern ihre Entscheidung. „Ich war immer noch gut genug, um euch zu belustigen, um fertig gemacht zu werden. Ich weiß nicht mehr, was mich dazu gebracht hat, das mitzumachen, aber ich habe nun mal mitgemacht., das kann ich nicht mehr ändern. Aber etwas anderes kann und werde ich ändern: Mein Verhältnis zu euch. Ich weiß nicht, ob euch das überhaupt beeindruckt, aber das ist mir auch egal.“ Sie steht auf. Blickt auf die Anderen herab. „Ich bin nur hergekommen, um euch zu sagen, dass ich von nun an nicht mehr in eurer Clique bin. Auch wenn das bedeuten sollte, dass ich allein bin, aber ich habe etwas begriffen: Ich gehöre nicht zu euch, aber das ist nicht das, worauf es ankommt. Ich werde jedenfalls nicht mehr eurer dummes Hündchen sein, das immer brav Männchen macht. Von heute an kenne ich euch nicht mehr. Ein schönes Leben noch.“ Sie lächelt in die Runde. Dann verlässt sie den Raum und schließt die Tür hinter sich. Es herrscht Schweigen. Jetzt erst merken sie, was sie getan haben. Was sie wirklich getan haben. Wir sind Schuld. Erneut stehen diese Worte im Raum, sichtbar für alle. Die Schuld hat sich verändert. Sie ist aber nicht kleiner geworden. Sie ist auch nicht leichter abzuschütteln als die vorige.
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